Eine Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper als totales Kunstwerk.

Es gibt eine als absolutes Prinzip anerkannte Weiblichkeit, die über das rein biologische hinausgeht und sich nicht nur auf die materielle Dimension beschränkt.
Eine als universeller Archetypus anerkannte verstandene Weiblichkeit, welche in Symbolen zu finden ist, wie "große Mutter" und "fleischliches Gefäß", "inspirierende Muse" und "Göttin des Himmels": in Symbolen wie "instinktives Tier" und "dämonische Kreatur" oder auch, durchdrungen von der ewigen Heiligkeit, "Anfang und Ende", "sinnliche Form" und "lebendige Landschaft", bestehend aus stahlenden Hügeln und dunklen Schluchten, in denen sich gleichzeitig die Tore des Himmels und der Hölle öffnen.....etc.

Meine ästhetische und konzeptionelle Beschäftigung mit dem Thema Weiblichkeit beginnt mit der persönlichen inneren Auseinandersetzung mit jenem Archetypus und entwickelt sich dabei zu einer vollendeten Form der Kommunikation und Interaktion von innen nach aussen und umgekehrt. Viele meiner Werke entstehen aus einem genau definierten kreativen Prozess in Form einer Performance.
Ausgang ist die physische Präsenz der Person (Modell - Performerin), welche selbst zur Koautorin und Protagonistin des Werkes,und gleichzeitig Instrument und Schöpferin desselben wird.
Die Performance findet fast immer in Gegenwart von Zeichnern statt, welche das Forum für eine einzigartige und einmalige Aufführung darstellt Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die Protagonistin, welche improvisierend, frei ihre Welt der Phantasien direkt durch den Körper ausdrückt. Dabei tritt sie in einen intensiven Kontakt mit der Gruppe, indem sie sie in ein auf primären Impulsen und kulturellen Prägungen beruhendes Spiel verwickelt.

Von dem Schauspiel zum Bild: der Künstler - Zuschauer lässt sich auf die Aktion ein, indem er versucht, ein dynamisches, einzigartiges und nicht mehr zu wiederholendes Ereignis einzufangen und es in grafische oder malerische Sprache zu übersetzen.
Während der Aktion verwischt die Grenze zwischen Künstler und Modell. Es ist nicht mehr nur ein passives Instrument, welches dem kaprizösen Willen des Künstlers folgt, sondern wird selbst zum Autor und zur Komplizin in dem kreativen Prozess, welcher sich zu einem Gesamkunstwerk entwickelt.
Jene expressive Ausdrucksform ermöglicht der Protagonistin Aktionen durchzuführen, bei den sie sich völlig frei ausdrücken kann. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit, konstruktiv Welten zu verbinden, welche weit voneinander entfernt scheinen, und sie miteinander in ein grenzenkoses Kontinuum münden zu lassen.

Ziel ist es, ein Bild der Weiblichkeit zu schaffen, frei von jeglicher Instrumentalisierung oder Idealisierung, welches nicht nur einen inneren Geist wiederspiegelt. Es soll vielmehr in der direkten Auseinandersetzung mit einem Subjekt entstehen, welches Protagonist einer neuen ästhetischen Ausdrucksform sein könnte. Diese ermöglicht, durch das aktive und komplementäre Zusammenwirken zweier unterschiedlicher Visionen der Welt, ein wesentlich "realeres" Bild in der ewigen Inszenierung der Weiblichkeit entstehen zu lassen.

Enrico Pietracci